Das «zweite Pompeji» versinkt in den Fluten
türkei-/-Heute überflutet das neu gestaute Wasser des Euphrats im Südosten der Türkei die Kernzone der unerwartet reichen archäologischen Fundstätte Zeugma. Da die Fülle der hier verschütteten antiken Mosaike und anderer Fundstücke erst spät erkannt und der Stau nur kurz gestoppt wurde, reichte es bloss für Notgrabungen. Der Stausee gehört zum grossen anatolischen Projekt der Türkei.
Birgit Cerha, nikosia
Die Fluten kamen näher, immer näher. Selbst Präsident Sezer konnte sie nicht mehr aufhalten: Heute werden sie im Südosten der Türkei ungeahnte kulturhistorische Schätze endgültig verschlingen. «Der Wasserspiegel steigt stetig, und er zerstört unseren Traum», bemerkt Yusuf Yavas, führender Archäologe auf der Ausgrabungsstätte Zeugma, am Euphrat 30 Kilometer nördlich der syrischen Grenze.
Im Kampf der Technologie gegen die Grösse der Vergangenheit haben die Repräsentanten des modernen Zeitalters gewonnen. Das «zweite Pompeji», wie Archäologen die über Jahrhunderte in der brütenden Hitze Südostanatoliens erhaltenen Spuren römischer Hochzivilisation nennen, wurde den Fluten preisgegeben.
Einer von 22 Staudämmen
Zeugma liegt am Rande des Stausees Birecik, des jüngsten im gigantischen Südostanatolien-Projekt (GAP); es soll die Wasser des Euphrat und des Tigris zähmen, durch eine Serie von 22 Staudämmen und 19 Kraftwerken den rasant steigenden Energiebedarf der Türkei decken, Teile des bitterarmen Südostanatolien in einen «Garten Eden» verwandeln, 1,5 Millionen Hektaren dürren Landes bewässern und insgesamt dereinst 3,5 Millionen Menschen Arbeit geben.
Die Baumwollproduktion will man in den kommenden Jahren um 600 Prozent steigern, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Anstelle von einer Ernte pro Jahr sollen binnen zwei Jahren fünf eingefahren werden. Dasselbe gilt für Tomaten und Linsen.
Es ist das grösste Infrastrukturprojekt in der Geschichte des atatürkschen Staats. Mehr als 23 Milliarden Dollar soll es bis zum Jahr 2005 verschlingen. Seine Verwirklichung schreitet allerdings zögernd voran, nicht zuletzt, weil es an Geld fehlt. Drei Dämme wurden bereits vor Jahren vollendet – Keban, Karakaya und Atatürk (mit einer Staukapazität von fast 50 Milliarden Kubikmeter Wasser der grösste). Birecik ist der nächste in der Reihe, zuletzt folgt Karkamis, nur vier Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Beide sollen noch in diesem Jahr voll in Betrieb gehen.
Kreuzweg der Kulturen
Der Birecik-Damm war bereits im Dezember 1999 fertiggestellt worden. Er liegt in einer der kulturhistorisch reichsten Regionen der Türkei. Einige der grössten Zivilisationen der Welt haben sich hier gekreuzt, die Assyrer, die Perser, die Kommagener, die Römer, die Abbasiden, die Byzantiner und die seldschukischen Türken. «Als ich das erste Mal 1993 hierher kam, verschlug es mir den Atem», erinnert sich Mehmet Onal, Mitglied des türkischen Archäologenteams in Zeugma.
«Wir fanden ein Mosaik, wie ich es zuvor nur in Fachbüchern gesehen hatte, Kunst aus der Spitzenzeit der römischen Zivilisation,» schwärmt Onal. Im selben Jahr begann ein internationales Konsortium unter Leitung der deutschen Firma Philipp Holzmann mit dem Bau des Birecik-Damms. Französische und australische Archäologenteams begaben sich auf die Suche nach weiteren Altertümern. Doch die Arbeiten gingen nur zögernd voran. Es fehlte den Türken an Geld, und die ausländischen Experten beschränkten ihre Suche auf die Sommermonate. So entdeckten sie erst im September 1999 zwei Villen, die unglaubliche Schätze bargen. Von da an arbeiteten Archäologen rund um die Uhr.
Antike Handelsstadt
Zeugma (altgriechisch für Verbindung oder Brücke) war von Seleucus I., einem General Alexanders des Grossen, im dritten Jahrhundert vor Christus gegründet worden. Später diente die Stadt, die sich über beide Ufer des Euphrats erstreckte, den Römern als wichtiger Stützpunkt im Handel mit dem benachbarten Reich der Parther. An die 65-000 sichergestellte Siegel bezeugen diesen Handelsverkehr. In der Zeit ihrer Hochblüte lebten in der Stadt rund 60-000 Menschen, darunter eine gesamte römische Legion. 252 v.-Chr. wurde Zeugma von den Sassaniden niedergebrannt. Ein Erdbeben begrub schliesslich die Stadt.
In den vergangenen Wochen haben Archäologen im Grosseinsatz eine zarte Bronzefigur von Dionysos, Gott des Weins, ausgegraben, eine anderthalb Meter hohe Statue des Kriegsgotts Mars, die Experten zu den feinsten der Welt zählen, und 3750 Silbermünzen. Besonders beeindrucken die fein gemalten Fresken und die Mosaiken von atemberaubender Schönheit. «Fast alle Räume in insgesamt an die hundert Villen sind mit Mosaikböden ausgestattet. Solche Funde sind der Lebenstraum eines Archäologen», bemerkt Ausgrabungschef Yavas euphorisch.
Unermessliche Verluste
Nach Einschätzung der Experten erstreckte sich die einst steinreiche Stadt mit ihren opulenten Villen, Marmorsäulen und schattigen Alkoven über 2000 Hektaren; 700 davon werden versinken. «Was wir sicherstellen konnten, gleicht einem Tropfen in einem riesigen Ozean», klagt Yavas. Eindringliche Appelle an Präsident Sezer, den Archäologen mehr Zeit zu geben, bewirkten lediglich einen Aufschub von zehn Tagen – und dies kostete GAP bereits zehn Millionen Dollar.
Nun mussten die Fachleute die Notgrabungen einstellen. Heute wird das restliche Gebiet der Zone A überflutet. In Zone B kann noch bis Oktober geforscht werden. Dann fällt auch diese Region dem Staudamm anheim. Die mächtige Energielobby hat sich gegenüber den Kulturhistorikern durchgesetzt: «Lange wusste niemand, was sich unter dem Sand bei Birecik verbarg», räumt Yavas ein. Und später «war das Interesse an der Rettung dieser Schätze zu gering. Wir konnten keine Sponsoren finden», um Grabungsarbeiten in grossem Umfang viel früher zu beginnen.
Kein Einzelfall
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