ZfK: Trotz anhaltender Rekordhitze, mit der Wasserversorgung gibt es keinerlei Probleme. Die Qualität stimmt, die Kunden sind, wie jede Umfrage belegt, hochzufrieden, vor allem, wenn die Wasserversorgung in kommunaler Hand liegt. Trotzdem gibt es harsche Kritik, zuletzt vor wenigen Tagen von der Monopolkommission. Sie will eine Regulierung. Ihre erste Reaktion?
Dr. Michael Beckereit: Ich empfehle hier Gelassenheit. Die Monopolkommission, die mit ihren Thesen kaum öffentliche Resonanz gefunden hat, ist ein Beratergremium der Bundesregierung, nicht mehr, nicht weniger. Das Bundeswirtschaftsministerium wird nun das Gutachten auswerten, die Verbände anhören – und da haben wir gute Argumente gegen eine Regulierung und viele Verbündete unter Umwelt- und Verbraucherverbänden (siehe nebenstehenden Bericht).
Zu den immer wiederkehrenden Behauptungen der wenigen Befürworter einer Regulierung gehört der Satz, angesichts der bis zu 7000 Wasserversorger in Deutschland könne die Branche einfach nicht effizient arbeiten. Haben wir zu viele Unternehmen?
Jede Gemeinde hat den Auftrag, die Daseinsvorsorge für ihr Gemeindegebiet zu regeln. Über die Organisation kann sie frei entscheiden. Wenn die Gemeinde ein eigenes Wasserwerk haben will, dann kann sie das machen. Im internationalen Vergleich fällt natürlich auf, dass wir relativ viele kleinere Unternehmen haben.
Gibt es denn nach Ihren Erfahrungen einen klaren Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Preisen?
Auf der einen Seite nein, auf der anderen Seite ja. Wenn Sie sich ein Dorf vorstellen mit 1500 Einwohnern und relativ weitläufig besiedelt, dann ist das Verlegen von Netzen eher kostengünstig, weil man viel Platz zum Verlegen der Leitung hat. Wenn Sie in Berlin auf den Ku’damm oder in Hamburg auf die Mönckebergstraße gehen und dort eine Leitung auswechseln wollen, haben Sie natürlich erheblich höhere Kosten. Auf der anderen Seite haben wir durch die Größendegression – Hamburg Wasser versorgt z. B. zwei Millionen Einwohner – kostensenkende Effekte. Das scheint sich relativ gut zu balancieren. Man kann also nicht sagen, größere Unternehmen wären günstiger als kleinere und umgekehrt.
Also könnten wir mit dem Status quo zufrieden sein?
Wir bekommen zunehmend Probleme in der Wasserwirtschaft durch Themen wie Arzneimittelrückstände, Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln etc. Hier vermissen wir im Übrigen auch die Unterstützung durch die Politik, da die Verursacher dieser Probleme viel stärker herangezogen werden müssten. Und natürlich ist es schon so, dass „Kleinstbetriebe“ hier mittelfristig Probleme mit der Qualitätssicherung bekommen könnten.
Ob Monopolkommission oder Kartellbehörden – lassen sich überhaupt deren Vorstellungen mit dem für die Wasserwirtschaft geltenden Minimierungsgebot auf einen Nenner bringen?
Das geht nicht. Wasser ist das Lebensmittel Nr. 1 und Qualitätsfragen müssen an erster Stelle stehen. Das war doch der Grund, warum zentrale Wasserversorgungen Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, weil wir Seuchengefahren hatten. Da kann man jetzt nicht hergehen und sagen, vergesst euer Minimierungsgebot, es gelten die Mindeststandards. Ob das aus Verbrauchersicht, aus der Perspektive der Umweltentwicklung, aus Perspektive der Gesundheitspolitik das Richtige wäre, daran muss man ganz, ganz dicke Fragezeichen machen.
Die Branche muss aber nach dem BGH-Urteil vom Februar mehr denn je mit den Kartellbehörden rechnen. Was könnte da auf die Unternehmen noch zukommen?
Das lässt sich nicht allgemein sagen, die Entwicklungen laufen in den einzelnen Bundesländern sehr differenziert. Obwohl die Kartellbehörden zurzeit an einem einheitlichen Fragebogen arbeiten, wird es auch weiterhin ein unterschiedliches Vorgehen in den einzelnen Bundesländern geben. Wie dies jeweils konkret aussehen wird, können wir heute alle noch nicht sagen. Aber ich warne auch davor, sich dem Glauben hinzugeben, dass das Ganze bereits beendet sei, nur weil es im Moment vergleichsweise ruhig ist.
Machen denn Benchmarks überhaupt noch Sinn, wenn es verstärkt zu kartellrechtlichen Prüfungen kommt?
Ich glaube schon, dass sie immer Sinn machen werden. Ich denke dabei zum einen an die Kommunikation. Denn das ist keine Frage: Die Branche muss stärker als bisher der Bevölkerung, aber auch der Politik deutlich machen, dass ihre Preise nicht überhöht sind. Das müssen wir gestalten und weiterentwickeln. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite steht die kontinuierliche Verbesserung der Unternehmen. Dazu gehört für mich das ganz ins unternehmerische Detail gehende Prozessbenchmarking. Damit kann die Öffentlichkeit nichts anfangen, aber für uns ist das unheimlich wichtig, um an den Effizienzschrauben drehen zu können. Wir in Hamburg z. B. verwenden verschiedene Formen des Benchmarkings.
Der lokale Verbraucherdialog sollte zu mehr Transparenz nach außen führen, andere versprechen sich viel von der „Kundenbilanz“. Wie geht es weiter, auch zwischen den Verbänden?
Ich denke, es gab bereits eine ganze Menge von Ansätzen für mehr Transparenz, es hat aber keine einheitliche Lösung gegeben. Wir haben uns als VKU vorgenommen, auf die anderen Verbände zuzugehen und zu gucken, können wir etwas Gemeinsames entwickeln. Da gibt es auf der einen Seite die eben genannte Transparenz-Initiative, auf der anderen Seite den durch die beiden Holländer-Gutachten gestützten lokalen Verbraucherdialog des VKU (ZfK 12/09, 1). Kann man daraus etwas Gemeinsames machen, kann man das in eine wie auch immer geartete neue Initiative umbauen und dabei Elemente des Benchmarkings nutzen, um wiederum dem Transparenzgedanken Genüge zu tun? Daran müssen wir in den nächsten Wochen und Monaten arbeiten.
Wie sieht es beispielsweise bei Ihnen in Hamburg aus?
Wir haben keine Probleme mit unseren Kunden. Wir haben in den letzten fünf Jahren keine Verbraucherklagen oder Ähnliches bekommen. Dabei muss man wissen, dass wir hier in Hamburg einen Trinkwasserpreis von 1,47 €/m3 und knapp 20 % Grundpreis haben. Die Kollegen in Berlin haben um die
2 € und eine vergleichbare Höhe des Grundpreises, nur für Trinkwasser. In Berlin gibt es diverse Klagen, Offenlegungsbegehren usw., bei uns nichts. Wenn man da mal ein bisschen tiefer guckt: Wir haben hier ungefähr
5 ct Grundwasserentnahmegebühr, Berlin hat 31 ct. Die Berliner Kollegen können nichts dafür. Es ist unheimlich schwer, das alles zu objektivieren.
Muss die kommunale Wasserwirtschaft mit neuen Angriffen aus Brüssel rechnen? Kommt eine Richtlinie für Dienstleistungs-Konzessionen?
Wenn man sachlich inhaltlich vorgeht, kann man auf der einen Seite feststellen, dass das Parlament ganz klar dagegen gestimmt und die Entscheidungsfreiheit der Kommunen betont hat (ZfK 7/10, 16). Die EU-Kommission nimmt sich offenbar wieder was anderes vor. Ich würde immer wieder sagen, wir werden in Brüssel, auch wenn wir mal ein Etappenziel erreicht haben, kurz- und mittelfristig immer wieder gegenläufige Tendenzen haben. Wir haben dort aus meiner Perspektive einfach den Druck aus zwei Richtungen: zum einen das Unverständnis des Binnenmarktkommissars, der nicht versteht, warum die Energiewirtschaft reguliert ist und die Wasserwirtschaft nicht. Das ist also dann das Gleichmachen auf der einen Seite. Und die zweite Seite, die genauso wichtig ist, ist die kontinuierliche Lobbyarbeit der lieben Kollegen aus England und Frankreich, die gerne Ausschreibungen generieren wollen. Das sind die nach wie vor treibenden Faktoren, gegen die man sich auch kontinuierlich wird wehren müssen.
Bei so viel politisch getriebenen Konflikten – wie ist die Wasserwirtschaft auf die absehbaren Großprobleme demographischer Wandel und Klimaveränderung vorbereitet?
Mit beiden Themen müssen wir uns intensiv befassen. Wir tun das bei Hamburg Wasser, obwohl wir hinsichtlich der demographischen Entwicklung den Vorteil haben, dass wir in einer wachsenden Stadt sind; es gibt nach wie vor Bevölkerungszuwachs. Aber auch wir haben einen demographischen Wandel, wir haben auch eine im Schnitt älter werdende Bevölkerung, obwohl wir relativ viele junge Zuzüge haben.
Und was bedeutet das dann für den Wasserbedarf?
Wir haben unseren künftigen Wasserbedarf über eine neue, sehr detaillierte Prognose ermittelt. Dabei haben wir eine soziale Komponente eingeführt, indem wir Abfragen über das Verbrauchsverhalten von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, von unterschiedlichen Altersgruppen gemacht haben. Da kam heraus, dass die 13- bis 16-Jährigen am wenigsten Wasser brauchen und die Alten relativ viel; das hatte man vorher ein bisschen anders eingeschätzt. Also solche Dinge genauer zu wissen, um darüber die Entwicklungen vorherzusehen, halte ich schon für wichtig, um damit dann entsprechend vernünftig umgehen zu können.
Und die möglichen Folgen des Klimawandels?
Wir werden über die Veränderung der Regenereignisse zum einen mehr Trockenheit in den Sommermonaten bekommen, zum anderen mehr Niederschläge in den Wintermonaten. Das ist für die Grundwasserneubildung in den Wintermonaten zunächst positiv zu sehen. Lange trockene Perioden im Sommer führen allerdings zu Grenzbelastungen bei der Wasserversorgung. Wir haben in Hamburg eine durchschnittliche Wasserabgabe von 280 000 bis 300 000 m3 pro Tag. Bei lang anhaltender Hitze – wie in diesem Juli – geben wir durchgängig über 400 000 m3 pro Tag ab. Das sind 20–25% mehr als sonst. Das ist eine Belastung fürs Netz und für die Ressourcen insgesamt. Dem hohen Verbrauch im Sommer an solchen heißen Tagen steht eine insgesamt sinkende Wasserabgabe gegenüber. Also kann man nicht durchgängig alle Rohre anpassen, sondern muss sich eher um die intelligente Bewirtschaftung Gedanken machen.
Sie kennen die Wasserbranche in ihrer ganzen Breite. Sie haben einen privaten Ver- und Entsorger geleitet, waren Geschäftsführer einer großen Genossenschaft und sind seit gut vier Jahren als Geschäftsführer von Hamburg Wasser Chef des größten kommunalen Wasserunternehmens. Was macht nach Ihren Erfahrungen den Mehrwert kommunaler Unternehmen aus?
Ich denke, dass man als kommunales Unternehmen zwei sehr große Vorteile hat: Einmal den Vorteil, dass wir für die Bürgerinnen und Bürger arbeiten. Man arbeitet für die Gemeinde, für die Stadt, in der man angesiedelt ist, und alles, was am Ende bei einem guten Wirtschaften an positiven Ergebnissen herauskommt, wird auch für die Stadt wieder eingesetzt. Wir haben ein gutes Ergebnis, und da freut sich der Finanzsenator, dass er das innerhalb der Stadt für positive Dinge nutzen kann (ZfK 7/10, 15).
Der gegenteilige Effekt ist, das Ergebnis fließt zu einem Aktionär in eine andere Stadt. Von dort werden, das ist eigentlich der zweite Kreis, auch Preise festgelegt, Entwicklungen festgelegt, Strategien gemacht. Man merkt das hier in Hamburg: Es ist überhaupt nicht schön für eine Stadt, wenn man seine eigenen beiden Energieversorger verkauft hat und dann erst mal die Zentrale des einen aus Hamburg wegzieht, worüber dann die Gewerbesteuer weggeht. Der andere wiederum ist am Ende ein ausländisches Unternehmen und feiert die Ergebnisse des deutschen Geschäfts in Stockholm an einem Tag, und am nächsten Tag gibt es dann Preiserhöhungen, weil der böse Markt so ist, dass man die Preise erhöhen muss. Das ist dann die umgekehrte Position.
Also Citizen Value statt Shareholder Value?
Ja! Bei einer Privatisierung hat die Gemeinde einfach nicht mehr den Einfluss darauf, wie entstehen Preisentwicklungen, wie kann man das gestalten, wie kann man ein Unternehmen dazu bringen, sich für das Gemeinwohl der eigenen Stadt einzusetzen. Für uns als Hamburg Wasser ist es selbstverständlich, dass wir uns für das Gemeinwohl dieser Stadt einsetzen.
Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit stehen dazu nicht im Widerspruch?
Natürlich nicht. Hamburg ist sehr gut aufgestellt. Wir denken hier wie ein Konzern Stadt, und die Unternehmen der Stadt fühlen sich natürlich auch dieser Stadt verpflichtet. Ob das die großen Wohnungsbaugesellschaften sind oder ob das eine Hochbahn ist, die hier den öffentlichen Personennahverkehr macht, die arbeiten natürlich daran, entsprechend gut zu sein – für die Stadt und die Bevölkerung.
Das Gespräch führte Jürgen Pott.